<prolog>

 

Stellt euch das vor: eine Schule, die einen neuen und einen alten Teil hat. Im alten Teil gibt es vier Stockwerke, im neuen gibt es zwei. Das Erdgeschoss muss selbstverständlich dazugerechnet werden. Der neue Teil hat zwei Galerien: der erste und zweite Stock. Wenn man sich zu weit über die Brüstung lehnt, kann man herunterfallen und sich das Genick brechen.
Nun gab es da eine Schülerin, die sich heiß und innig in einen Schüler verliebt hatte, dessen Klassenzimmer sich dort im Erdgeschoss befand. Einmal in der Woche sah sie ihn dort, wenn sie im zweiten Stock Religionsunterricht hatte. Dann lehnte sie sich immer über die Brüstung und wartete, bis er hoch schaute. Wenn er das tat, winkte sie ihm zu.
Das mag ja nun ganz rosig klingen, doch trotzdem wusste sie, sie würde ihn nie bekommen.

Nun stand sie wieder einmal dort oben und wartete, bis er hoch schaute. Und als er das tat, bestieg sie die Brüstung. Sie hielt sich an dem blauen Geländer fest, dessen Farbe schon abblätterte, und hinterließ Fingerabdrücke darauf. Die letzten Zeugnisse ihres Lebens.

Er starrte entsetzt nach oben.

Sie breitete die Arme aus.

Sie zitterte ein wenig.

Und dann sprang sie. 

Sie fiel(so kam es allen vor) wie in Zeitlupe, bevor sie auftraf. Alle hielten dort unten den Atem an, nicht unbedingt vor Schreck, sondern weil sie so SCHÖN war. Die Tränen in ihren Augen lösten sich, während sie fiel. Und dann, mit einem dumpfen Geräusch, traf sie auf dem Boden auf.
In ihren Augen standen immer noch Tränen, Tränen des Abschieds, Tränen der Trauer. Ihr Geliebter kam näher und kniete neben ihr nieder. In seinen Augen standen die gleichen Tränen der Trauer wie in ihren Augen. Er schluckte und eine Träne lief seine Wange hinunter.
„Warum“, so fragte er erstickt, „hast du das getan?“

Um die beiden hatte sich schon eine Menschentraube gebildet, hysterische Schreie waren zu hören und irgendjemand rief mit heiserer Stimme: „Holt einen Notarzt! Hier gab es einen Suizidversuch!“
Der Junge hatte den Kopf der Sterbenden in seine Hände genommen. Sie jedoch sagte: „Mit mir geht es zu Ende.“
Der vollkommen bleiche Schüler zog seine rechte Hand unter ihrem Kopf hervor und nahm ihre Hand. Er flüsterte erschrocken: „Das darfst du nicht sagen!“
Sie versuchte, den Kopf zu schütteln, doch sie war schon zu schwach dazu. Matt sagte sie:

„Küss mich.“

Diesen letzten Wunsch wollte ihr der Junge noch erfüllen. Er beugte sich vor, und aus purem Zufall sah niemand hin, als seine Lippen die ihren berührten. Und es schien ihr, als stünde die gnadenlos ablaufende Lebenszeit still. Sie sah nur noch sich und ihn; sein trauriges Lächeln; und der pochende Schmerz schien wie weggeblasen. Den Lärm und die Aufregung um sich herum hörte sie nur noch dumpf. Sie schloss die Augen.

In dem Moment, als sich ihre Lippen berührten, explodierten tausend bunte und großartige Feuerwerke hinter ihren geschlossenen Augen. Und sie schmeckte seine salzigen Tränen, die er ihretwegen vergossen hatte. Sie fügte diesen Moment zu den schönsten ihres Lebens und war sich wohl bewusst, dass ihr Lebensende- so tragisch es auch war- nahezu perfekt war. Denn: Wer stirbt schon so? Doch ihr letzter Gedanke, bevor sie starb, war:
 
Es hätte schön sein können.
 
So schön.
 
Und dann raubte ihr der Kuss ihren letzten Atem; und das Leben verließ sie.
Sie sank tot in seinen Armen danieder.
 
Nun ist die Frage:
 
Warum ist sie gesprungen?
 
Und warum hat er sie geküsst?
 
Und hat der Junge seine Freundin nun mit einer Sterbenden betrogen oder nicht?
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