Der verlorene Handschuh

 

Türenknallen

BUMM! , machte die Tür, als sie sich mit einem lauten Knallen schloss.

Sie öffnete und schloss sich an diesem Abend sehr oft, denn die Tochter des Hauses, Anne, feierte eine Party mit all ihren Freunden. Und sie hatte sehr viele Freunde.

„Annes Partys sind wie eine Riesenportion Pommes mit Ketschup“, sagte auch einmal Rick Cabral, der Pommes mit Ketschup sehr mochte. Doch das ist nur Nebensache. Rick wurde auch sehr gemocht, und das ist wichtiger. Rick war nämlich der Mädchenschwarm der St. Vincent High. Alle Mädchen waren in ihn verknallt, denn er sah wirklich sehr gut aus. Er hatte sogar was im Kopf.

Auch Felicitas Shupe vergötterte ihn, und das ist noch wichtiger. Felicitas ließ die Tür auf der Party bei Anne besonders laut knallen, denn sie hatte sehr schlechte Laune.

Sie war um sieben Uhr gekommen und hatte seitdem kontinuierlich in Ricks Richtung gestarrt, in der Hoffnung, dass er sie bemerken würde. Doch das war fehlgeschlagen. Er würdigte sie keines Blickes und hatte nur Augen für seine Freunde.

Also hatte Felicitas es schließlich aufgegeben und sich von Nina Passmore und Anne Hartmann verabschiedet, denn außer ihnen kannte sie niemanden.

Die beiden fanden es zwar schade, dass sie schon ging, aber sie wollte daheim sitzen und sich selbst Leid tun. Es war erst neun Uhr, sie hatte den ganzen Abend noch vor sich. Na ja, den halben wohl eher. Egal, alles war besser als hier!

Und so verließ Felicitas das Haus, ließ die Tür ordentlich knallen um die Musik zu übertönen: Jeder sollte wissen, dass sie ging! , und stützte sich erst einmal am Türrahmen ab.

 

Sie war vierzehn Jahre alt und ging in die neunte Klasse der St. Vincent High. Sie hatte mausbraunes Haar, welches sie schulterlang trug, und eine sehr helle Haut. Anne hatte leuchtend rote Haare und eine genauso helle Haut. Und Ninas Haare waren dunkelbraun. (Ihre Haut war nicht sehr hell und nicht sehr dunkel, wenn ihr das wissen wollt.)

Kurz: Felicitas sah eigentlich aus wie ein Geist mit ihrer kleinen und mageren Figur. „Das Klappergestell“ nannte sie ihre Tante, bei der sie wohnte, immer scherzhaft.

 

Doch zurück zur Tür und dem Abend, der noch halb vor Felicitas Shupe lag.

Sie lehnte also an der Tür.

Das tat sie eine ganze Weile so, bis sie dachte, nun könne sie heimgehen.

Es war schon ziemlich dunkel, und sie hatte ein ziemliches Stück zu gehen nach Hause. Es war mindestens eine halbe Stunde, um elf Uhr musste sie sowieso daheim sein.

Am verwunschenen Park musste sie vorbei, und dies auch noch bei Nacht.

Dies behagte Felicitas überhaupt nicht. Der verwunschene Park, um den machte man besser einen Bogen. Aber wenn sie an ihm nicht vorbeiging, gab es noch den Weg über den Friedhof und den Weg durch den Wald.

Beide Möglichkeiten waren  tagsüber in Ordnung, aber nachts absolut gruselig.

Lieber gestand sie Rick vor der ganzen Schule ihre Liebe und kassierte eine Abfuhr.

Obwohl sich das machen ließ...

Es half nichts. Felicitas musste am verwunschenen Park vorbei. Eine Gänsehaut lief ihr über den Rücken beim bloßen Gedanken daran.

 

Der verwunschene Park hatte vor über zweihundert Jahren zur alten Villa von Eleanor Crow gehört. In dem Park blühten damals alle Bäume, es war ein grüner Park.

Eleanor ließ immer Kinder dort spielen, machte aber ein finsteres Gesicht. So passierte es, dass die Kinder ein bisschen Angst vor ihr bekamen. Keine echte, schlimme Angst allerdings, sondern eher eine spielerische.

Eleanor flößte ihnen eindeutig Respekt ein.

Doch dann verschwanden die Kinder spurlos, eines nach dem anderen.

Die meisten Leute im Dorf sagten, dass Eleanor sie gefangen hielt und verboten ihren Kindern, den Park zu betreten, doch das stimmte natürlich nicht. Auch wurde das widerlegt, als Eleanor Crow selbst vor dem Eingangstor ihres Parks tot aufgefunden wurde: Erdrosselt, von hinten.

Der Mörder wurde natürlich nie gefunden.

Doch vergessen wurde Eleanor damit keineswegs. Der Park blieb populär. Und weil keiner mehr sich dorthin begeben wollte, um seine Pflanzen zu pflegen, verwilderte er.

Die grünen Bäume wurden zu knorrigen, kahlen, toten Bäumen.

Der Park starb, als Eleanor starb. In der Stunde ihres Todes.

Und seitdem verweste er.

 

Felicitas zog ihre Handschuhe an und schlug ihren Kragen hoch, um sich vor der Kälte zu schützen.

Dann machte sie sich auf den Weg.

Und die Tür öffnete und schloss sich noch sehr oft an diesem Abend.

 

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